Project

Über das Anthropozän hinaus denken, den Anthropozentrismus und seine semiotischen Manifeste überwinden. Zug_Vogel_Mensch_ ist die Erprobung eines innovativen humanimalischen Lebensmodelles auf Zeit. Ich möchte Fragen an eine Mensch-Tier Beziehung stellen, die weit mehr ist als ein sich gegenseitig Dulden. Begriffe wie Natur, Kultur und Subjekt werden pluralisiert und miteinander verflochten gedacht. Über zahlreiche bereits vorhandene Erzählungen und Praktiken rund um Menschen und Weißstörche_innen hinaus versucht das Projekt diese Beziehung als ein höchst wechselseitiges, intersubjektives und artenübergreifendes Welterzeugen zu verstehen.

Geschichte einer symbiotischen humanimalischen Beziehung

Der Lebensraum des Menschen ist groß und wird größer. Kaum ein Lebewesen teilt ihren Lebensraum nicht mit ihnen. Weißstörche_innen und Menschen leben seit geraumer Zeit in einer symbiotischen Beziehung. Ihre Lebensräume sind temporär aufs Engste miteinander verbunden. Als Art-Genoss_innen teilen sie sich Dächer, Vorgärten und Felder. Aus anthropozentrischer Perspektive werden vor allem weiße, ursprünglich afrikanische Störch_innen als dem Menschen nahe stehend bezeichnet.[1] Die in Mitteleuropa bestehenden Beziehungen zwischen Weißstörchen und Menschen waren und sind außergewöhnlich intensiv. Bemerkenswert ist die anthropogene Mythenbildung rund um den/die Storch/Störchin. Als KinderbringerIn, GlücksbringerIn und Frühlingsbote_in haben sie in Europa mit nur wenigen Ausnahmen eine durchwegs positive Konnotation.[2] Als Grund dafür kann ihr Aufsuchen vom Menschen urbar gemachter Gebiete genannt werden. Die großflächige Rodung von Waldflächen in Mitteleuropa ab dem 8 Jhdt. n.Chr. führte zu einer sukzessiven Ansiedelung von Weißstörch_innen in baumlosen und menschennahen Gebieten. Es kam zu ersten symbiotischen Lebensweisen. Die landwirtschaftliche Nutzung der Freiflächen schuf eine Nahrungsgrundlage für Störche_innen. Die Zahl der für die Landwirt_innen bzw. die Ernte als schädlich gesehenen Kleinlebewesen wie Wühlmäuse oder Schlangen wurden durch Störche_innen dezimiert. Ihr Erscheinen wurde willkommen geheißen. Ihre Nester auf dem Hausdach zu haben galt als Segen. Bis Mitte des 20.Jhdt. waren Störche_innen im mitteleuropäischen Raum sehr präsent. In den 1950er-Jahren führten veränderte Produktionsweisen und rasante Produktionssteigerungen in der Landwirtschaft zu großflächigen „Bodenverbesserungen“. Zahlreiche Flußläufe wurden begradigt, etliche Feuchtzonen damit trockengelegt. Aufgrund des damit sich verändernden Nahrungsangebot ging die Anzahl freilebender Weißstörche_innen stark zurück. In den 1980er Jahren kommt es zur Gründung von Artenschutzprogrammen und Aktionskomitees mit dem Ziel der Rettung der Weißstörche_innen.[3] Zum einen werden noch bestehende Lebensräume der Störche geschützt, zum anderen kommt es zur Errichtung zahlreicher Pflege- und Aufzuchtstationen. Die Zahlen steigen. In Deutschland wird 2018 wieder von einer stabilen Storchenpopulation gesprochen. Neben den menschlichen Bestrebungen zur Erhaltung einer Art ist die enorme Flexibilität der Störche ein wesentlicher Faktor für ihr Fortbestehen. Vor allem ihre beflügelte Anpassungsfähigkeit an land- und abfallwirtschaftliche Veränderungen ist Grund für ihr Überleben. Offene Müllkippen und die Zunahme von kommerziellen Feuchtgebieten durch den Reisanbau in Spanien verändern die Lebensräume der nach Westen ziehender Störche_innen radikal.[4] Die interspeziesche Beziehung zwischen Störchen_innen und Menschen besteht aus einer Fülle von Bedürfnissen, Bestrebungen, Beschneidungen und Befähigungen. Die Zusammenhänge zwischen anthropogenen Einflüssen und Verhaltensveränderungen bei Störchen_innen sind Ausgangspunkte meiner Forschung. Über dies hinaus stelle ich die Frage umgekehrt: Inwiefern zeigen sich Verhaltensänderungen bei Menschen durch zoogene Einflüsse? Mich interessiert, inwiefern Störch_innen während des Zuges Formen von Mensch-Tier-Beziehungen aktiv gestalten bzw. gestalten lassen. Weißstörch_innen sind an mehreren Orten zugleich für verschiedene Erzählungen verantwortlich. Welche Erzählungen werden an den vielen Orten ihrer Reise von ihnen, mit ihnen und durch sie geschaffen? Welche Formen von narrativer Rückkopplung kann es geben, wenn sich auf der Reise verschiedene Erzählungen miteinander vermischen?

“It matters what ideas we use to think other ideas.” [5]

Zug_Vogel_Mensch wird diese Fragen nicht beantworten. Mir geht es nicht um das Ergründen der Grenze zwischen einer zoogenen und einer anthropogenen Autorenschaft von Kultur. Vielmehr möchte ich einen Teil meiner Rolle in einer Beziehung mit anderen Lebewesen verstehen. Ich möchte versuchen, mit der Idee der temporären Symbiose eine humanimalische Idee des „Gemeinsam in der Welt Seins“ zu verstehen, ihre Möglichkeiten zu erkennen.

 

Die ProtagonistInnen des Projektes

Die Weißstörche_innen[6] namens Twix, Soweiwa, Süwe IV

Der/die Vogelpartner_innen werden nach Westen ziehende Weißstörche (Ciconia ciconia) sein. Unter Zugvögel im Allgemeinen haben Weißstörche-innen für die gemeinsame Reisechoreographie viele Vorteile. Weißstörche_innen fliegen über Land, da sie Segelflieger_innen sind, die zum Zug warme Aufwinde nutzen. Da über dem Wasser keine Thermik entsteht, umfliegen sie das Mittelmeer, um nach Afrika bzw. Europa zu gelangen. Im Weiteren ist es prinzipiell möglich, als Mensch (ohne Flugzeug) einer Weißstörch_in zu folgen. Zwar können sie insgesamt Distanzen von bis zu 10.000km zurücklegen, ihre Fluggeschwindigkeit ist jedoch im Vergleich zu kleineren Zugvögeln eher gering (ca.300km/Tag). In den letzten Jahren wurde im Zusammenhang mit Weißstörchen_innen ein höchst spannendes Phänomen beobachtet: Das Überwintern auf europäischen Mülldeponien. Die für die Reise benötigten Nahrungsmittel sind am einfachsten dort zu finden, wo Lebensmittel produziert und weggeworfen werden. Manche Störche_innen überwintern demnach nicht mehr auf afrikanischem Boden, sondern auf europäischen Mülldeponien. Eine unvorhersehbare Verhaltensweise, die die Reise umso spannender macht.

Die Entscheidung, Twix, Soweiwa und Süwe II aus Kleinfischlingen zu wählen, hat folgende Gründe: Zum einen haben alle drei sehr gute physiologische Voraussetzungen um einen Zug körperlich durchzustehen. Zum anderen sind sie in einer für mein Projekt äußerst interessanten Mensch-Tier Umgebung zur Welt gekommen. Der Geburtsort der Störche_innen ist eine Gemeinde namens Kleinfischlingen in der Rheinland-Pfalz, Deutschland. Seit 1947 veranstalten die menschlichen BewohnerInnen Feste zur Besenderung, zur Taufe und zur Wiederkehr der Störche_innen. Es ist geplant, diese Aktivitäten als performatives Ausstellungselement für eine gemeinsame Ausstellung zu verwenden.

Storch-Paten und Patinnen

Die Finanzierung der Sender sowie das Aufstellen von Nestmasten wird von Paten übernommen. In Kleinfischlingen wurden die Patenschaften 2018 vom Landrat Dietmar Seefeldt und der Familie Walter übernommen. Sie alle bilden einen wesentlichen Teil des Mensch-Tier Verhältnisses des Projektes. Vor, während und nach der Reise stehe ich in direktem Austausch mit den Paten und Patinnen.

Der Ornithologe

Das Projekt wird in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell am Bodensee realisiert. Dr. Wolfgang Fiedler ist am besagten Institut als Ornithologe tätig und ein essentieller Kompanion meines Forschungsapparates. Hr. Fiedler hat am 16.06.2018 sowohl die Besenderung der Störche_innen in Kleinfischlingen als auch die Besenderung des Künstlers übernommen.

Anmerkung

Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass am humanimalischen Reiseprojekt nur der/die Storch_in[7] und der Künstler beteiligt sind. Die Aktion wird offen gedacht. Sämtliche Beteiligungen, Kooperationen und kollektiven Aktionen mit anderen Lebewesen werden als möglich betrachtet.

Fragestellungen und Projektziele

Die meisten Faktoren, die Einfluss auf die Reiseroute von Zugvögel nehmen, stehen in direktem Zusammenhang mit menschlicher Aktivität. Auf Grund meiner Ansicht, dass das Mensch-Tier-Verhältnis ein stark reziprokes Verhältnis ist, stellt sich für mich die Frage, welche Formen menschlicher Aneignung es von tierischen Verhaltensweisen gibt.

Konkret:

Wie wird der Zugvogel meine Lebensreiseweise beeinflussen?

Was für eine Beziehung kann ich mit einem Zugvogel eingehen?

Gibt es ein Miteinander, ein Nebeneinander, ein Nacheinander, ein Voreinander?

 

Zug Vogel Mensch ist die Geschichte zweier unterschiedlicher Interessen an einer Gemeinsamkeit, über Unterschiede und Parallelen, über Fähigkeiten und Beschränkung, über Fernweh und Langeweile. Mensch und Tier sind Teile einer Gesellschaft, ob sie wollen oder nicht. Dennoch werden Tiere nicht als soziale oder politische Akteure wahrgenommen, da ihnen jeglicher Status eines souveränen und autonomen Subjekts fehlt. Die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben wird nur Tieren gewährt, die mit den Spielregeln einer anthropozentrischen Welt einverstanden sind. Aber was ist mit Tieren, die auf der Basis ihrer (Un)Fähigkeit zu verstehen und einverstanden zu sein, nicht inkludiert werden können? Wie könnte eine „humanimalische“ Gesellschaft aussehen, die nicht auf einem Einverständnis beruht?[8]

„Wir sind immer auch Teil einer Geschichte des Austauschs, der Kolonialisierung, der Ernährungssysteme, einer Geschichte der Verkehrssysteme.“[9]

Im Moment der Reise zweier divergenter Entitäten, die dennoch Teile einer gemeinsamen Gesellschaft sind, entsteht eine temporäre Mensch-Tier Beziehung, welche auf verschiedenen Teilinteressen beruht, die sich sowohl verbünden, verweben und gleichzeitig auseinanderlaufen können. Es entsteht eine Geschichte über ein unharmonisches Gemeinsam in der Welt sein, irgendwo zwischen Konsens und Dissens.

Wissen mit dem Tier

Der Blick von einem Menschen auf ein von ihm mit einem Peilsender bestücktes Tier produziert einseitiges Wissen. Der Mensch beobachtet sein Wissensobjekt und interpretiert daraus dessen Verhalten, ohne die gesamte Reisegeschichte zu kennen. Wie verändert sich die Perspektive bzw. das Wissen, wenn sich der Standort des Fragenden mit dem Tier mitbewegt? Kann es ein Wissen mit und nicht nur von Jemandem/Etwas geben?

 

Forschungsstand

Sowohl im Bereich der animal studies als auch in der zoologischen Verhaltensforschung sind derzeit zahlreiche Forschungsaktivitäten zu verzeichnen. Das zunehmende, interdisziplinäre Verständnis in der Mensch-Tier Forschung führt zur Erweiterung einer stark begrenzten Methodik im wissenschaftlichen Umgang mit nichtmenschlichen Tieren. ForscherInnen und Tiere beginnen artenübergreifend zusammenzuarbeiten. Tiere verlassen den ihnen zugeschriebenen Objektstatus und werden zu wissenschaffenden Ko-Produzenten. Als Beispiel ist hier das interdisziplinäre Projekt Pigeon Blog (2006) von der deutsch-amerikanischen Künstlerin Beatriz da Costa zu nennen. In enger Zusammenarbeit mit Brieftauben, IngenieurInnen und TaubenliebhaberInnen wurden Daten zur Luftverschmutzung rund um Los Angeles gesammelt und ausgewertet. Die Tauben wurden dabei mit Sensoren und Sendeinstrumenten ausgestattet um während ihres Fluges Daten zu sammeln, die die offiziellen, an weniger verschmutzten Orten festinstallierten Messinstrumente für Luftverschmutzung rund um L.A. nicht aufzeichneten. GPS und GSM machten das Abrufen der ortsspezifischen Daten per Mobilfunk möglich. „Da Costa wollte keine Expertin für Luftverschmutzung werden, sondern ein Zusammenwirken bei etwas ganz anderem auslösen: in einer artenübergreifenden Kunstaktion, die sich für alltägliche Welten einsetzt, die Erholung benötigen (und zu ihr fähig sind), quer zu vorhandenen Differenzen.“[10] Bei PigeonBlog waren die Tauben alles andere als bloße Forschungsobjekte. Ihre höchst aktive Beteiligung ließ sie mittels Mobilfunktechnologie zu Ko-ProduzentInnen von relevanten und provokanten Wissen werden.

Auch in der Verhaltensforschung macht sich der Einsatz von neuen Kommunikationstechnologien bemerkbar. Das Projekt ICARUS (International Cooperation for Animal Research Using Space) wird in ein paar Jahren vermehrt GPS und GSM mittels Satelliten für die Tiertelemetrie nutzen. Martin Wikelski, Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell, ist Mitinitiator von ICARUS (International Cooperation for Animal Research Using Space). In seiner Vorstellung soll ICARUS eine „Schaltstation für die gesamte Tierwelt unserer Erde werden.“[11] Seit 2007 existiert eine Online Datenbank namens movebank, die Tierbewegungen und typische Verhaltensmuster in einer Erhebung miteinander verbindet. „Die praktischen Anwendungsgebiete sind vielfältig, beispielsweise könnte man die Ausbreitung von Krankheiten, die durch Tiere übertragen werden, in Zaum halten.“[12] Mittels der App Animal Tracker wird die Standortdatenerfassung und Migrationsfeststellung von Tieren zusätzlich erleichtert. Mensch und Tier sind mittels Technologie eng miteinander verflochten.

 

Kritik

Die Vision der völligen Kontrolle über Migration sowohl von Tieren als auch von Menschen ist ein Phänomen, welches sowohl im Kontext von Ökologie- und Tierforschung als auch in außen- und sicherheitspolitischen Diskussionen von Staaten stark präsent ist. Unter dem Deckmantel der Sicherheit und des Schutzes legitimieren sich autoritäre Praktiken des Überwachens, die eine totalitäre Idee von Gesellschaft verkörpern. Oft stehen dabei die bloßen Koordinaten des Standortes eines Lebewesens im Vordergrund und weniger die Ursachen und Beweggründe der Migration. Es stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien man die Migration von Lebewesen überhaupt bewerten kann. Begriffe wie Immigration und Emigration benötigen ein definiertes Außen und Innen, ein Aus- und ein Inland. Es benötigt Jemanden, der von einem statischen Innen auf ein sich bewegendes Außen blickt; Jemanden der stationär agiert und jemanden der sich bewegt oder bewegt wird. Inwiefern verändert sich das Wissen über jemand/etwas Anderen/s, wenn man gemeinsam in Bewegung ist? Was wäre, wenn man das in der Welt sein von Mensch und Tier als ein “Gemeinsam in Bewegung Sein“ denkt? Mit Zug_Vogel_Mensch verlasse ich den anthropozentrischen Status und beginne mich gemeinsam zu bewegen. Die Wanderung wird zur temporären Methode; nicht nur meiner Beobachtungen, sondern meiner Art in der Welt zu sein.

 

Methodik

Wie verläuft die Reise?

Die Standortinformationen werden zwei Mal am Tag aktualisiert. Schaffe ich es nicht, in einem Zeitintervall an den (vergangenen) Standort des Vogels zu kommen, wird der neue Standort angepeilt. Priorität hat die Verfolgung der Zugroute des Vogels mit mir als Mensch zur Verfügung stehenden Mitteln. Die Tagesetappe eines Weißstorchs kann bis zu 300 km betragen. Um ihm gleichzutun, werde ich alle Arten öffentlicher Verkehrsmittel benutzen, eventuell auch mit der Hilfe eines Gebrauchtwagens. Zeichnet sich ab, dass der Vogel z.B. ein unpassierbares Gebirge überfliegt, wird der möglichst schnellste bzw. einfachste Weiterweg gewählt. Wenn der Vogel über das Meer fliegt, wird der nächstgelegene Hafen angesteuert um dem Vogel mit dem Schiff so gut es geht hinterherzufahren.

Gemeinsame Wanderung oder einseitiges Verfolgen?

„Alle anderen in dieser dummen, phallischen Geschichte [Anthropozän] (…) sind Requisiten, Gelände, Raum der Spielhandlung oder Opfer. Sie sind egal; es ist ihre Aufgabe, im Weg zu sein oder der Weg zu sein, der Kanal zu sein oder überwunden zu werden, aber sie sind selbst keine Reisenden und auch nicht der Erzeuger“[13]

Einen zum Tragen eines Senders gezwungenen Vogel verfolgen und von einer gemeinsamen Reise zu sprechen wäre naiv. Das Gemeinsame dieser Reise ist nicht das unmittelbare zeitgleiche an einem Ort sein von Mensch und Tier, sondern das Bewusstsein darüber, dass das in der Welt sein immer eine gemeinsame Angelegenheit ist. Das Projekt ist ein Versuch, die Idee der Wanderung durch und mit einem Zugvogel besser verstehen zu können. Ich möchte teilhaben an einem nomadischen und nichtmenschlichen Wissen um die anthropogene Idee der statischen Grenze sowohl in geographischer als auch in spezieischer Sicht zu entschärfen. Mit der Vorstellung einer Storchenperspektive will ich Grenzen mobilisieren. Die Idee einer lebendigen und auch tödlichen Gemeinsamkeit von Mensch und Tier ist die Voraussetzung dafür. Meine Methode würde ich folglich eine als eine temporär symbiotische Wanderung zur Verwebung von Lebens-und Sterbeweisen bezeichnen, als ein gemeinsames sich wechselseitiges Erzählen von Welt. Als Sinnbild für diese Art von Gemeinsamkeit stehen die virtuellen GPS- Linienfiguren beider Protagonisten_innen. Mensch und Tier erzeugen trotz ihrer jeweils eigenen Lebensweisen für eine bestimmte Zeit sich aufeinander beziehende und auseinander laufende Linien. Keiner der Linien beherrscht den Verlauf der anderen. Beide Linien sind voneinander unabhängig und dennoch interagieren sie miteinander. Einem Fadenspiel gleich erzeugen beide Protagonisten_innen virtuelle Linienfiguren einer humanimalischen Reise.

 

Zeitplan

Die Reise begann mit dem 16.06.2018, der Tag der Besenderung der 3 Weißstörche Twix, Soweiwa und Süwe III und der Besenderung von mir. Seither bewegen sich die Signale gemeinsam und ortsunabhängig durch die Welt. Bis Mitte August werde ich den Störchen_innen nicht direkt folgen. Am 19.08.2018 begebe ich mich nach Kleinfischlingen um von dort aus den Störchen_innen und den Signalen unmittelbar hinterher zu reisen. Ich gebe die Regie der Reise ab. Bleiben die Vögel an einem Ort, bleibe ich auch. Das kann für kurze Zeit während der „Anreise“ geschehen, oder aber wenn die Störche_innen nach ca. 1,5 Monaten ihr Überwinterungsquartier erreicht haben. Am Zielort angelangt verbringen Vögel und Mensch gemeinsam die Zeit. Voraussichtlich Anfang Februar 2019 wird die Rückreise angetreten, die ca. 1,5 Monate dauern wird.[14] Die gemeinsame Reiseroutenzeichnung ist fertiggestellt. Am Ende des Sommersemesters 2019 wird es eine erste Ausstellung zum Projekt in Linz geben. Gleichzeitig beginne ich, das gesammelte Material zu sichten, die Aktion schriftlich zu reflektieren und das weitere Vorgehen zu planen. Innerhalb der ersten 6 Semester des Phd ist mindestens eine weitere Aktion vorgesehen.

[1] Der schon länger in Europa lebende Schwarzstorch (Ciconia nigra) lebt heute wie damals sehr distanziert zum Menschen bzw. der Mensch zu ihm.

[2] vgl. Bense, Der Weißstorch, Westarp, 2017, S.34f

[3] vgl. Bense, Der Weißstorch, Westarp, 2017, S.11

[4] Verkürzte Zugzeiten, frühere Brutzeiten oder gar Überwinterungen im eigenen Brutgebiet sind beobachtete Verhaltensänderungen bei nach Westen ziehenden Störchen. Bei Ostziehern gibt es diese Beobachtungen nicht. Gründe dafür sind nicht bekannt.

[5] Strathern zitiert von Haraway, Donna in Staying with the trouble-making kin in the chthulucene, Duke university press, Durham und London, 2016, S.18

[6] Die gegenderte Schreibweise unterstreicht die sehr symbiotische Art dieser Mensch-Tier Beziehung. Neben Hahn und Henne gibt es im Bezug auf Vögel eine geschlechtsspezifische Unterscheidung nur bei Storch und Störchin (vgl. Bense, 2017, S.76). Abgesehen davon ist bisher das Geschlecht der Störche_innen unbekannt.

[7] Ob und wie Twix, Soweiwa und Süwe III ihre zustimmende Beteiligung zeigen werden, bleibt vorerst offen.

[8] Vgl. Haraway in Stay where the trouble is, S. 92 ff. in zfm I/2011, Gesellschaft für Medienwissenschaft e. V.

[9] Haraway in Stay where the trouble is, S. 98 in zfm I/2011, Gesellschaft für Medienwissenschaft e. V.

[10] Haraway, Unruhig bleiben- Die Verwandschaft der Arten im Chthuluzän,Campus Verlag, Frankfurt, 2018, S.34

[11] Wikelski in Cheshire, Uberti, Die Wege der Tiere, 2017, S.26

[12] Wikelski in Cheshire, Uberti, Die Wege der Tiere, 2017, S.27

[13] Haraway, Unruhig bleiben- Die Verwandschaft der Arten im Chthuluzän,Campus Verlag, Frankfurt, 2018, S. 59

[14] Voraussichtlich werden die Störche diesmal noch nicht bis zu ihrem Geburtsgebiet zurückkehren, sondern erst im darauffolgenden Jahr, wenn sie geschlechtsreif sind.