Hinter königlichen Mauern

Meine Rückreise führt über Marokko, den Gibraltar nach Spanien. Bei einem Abstecher nach Fes versuchten Compañera Anna und ich gemeinsam Storch Redrunner einen Besuch abzustatten. Dieser aus Radolfzell stammende Weißstorch hat sich in Marokko nicht irgendein Winterquartier ausgesucht: Im königlichen Palastgarten von Fes verbringt er die kalten Tage unter Palmen.

Trotz hartnäckiger Erklärungsversuche wurde uns der Zutritt zum Jardin royale verwehrt und sogar das Auslesen des Loggers scheiterte an den dicken Mauern des Palastes.

Das nächste Mal werde ich mich direkt an den König wenden. Er hat sicher ein paar royale Storch-Geschichten auf Lager. Nichtsdestotrotz verbringen wir erholsame Tage in der nordafrikanischen Wintersonne bevor es in großen Schritten nach Deutschland /Österreich geht.

some lives, many deaths

“Die Daten weisen darauf hin, dass Twix in der Nacht zwischen 29.10. 20 Uhr UTC und 30.10. 02 Uhr UTC in Südmauretanien getötet wurde. Bei Abschalten des Loggers um 20:00 UTC lebte der Vogel noch, am nächsten Morgen bei Einschalten des Loggers befand sich dieser in unnatürlicher Seitenlage und 20km südöstlich des Schlafplatzes. Um 03:00 UTC erreichte er ein Haus in der Ortschaft Timbedra, wurde dann in den Folgetagen an verschiedene andere Stellen im Ort und wieder zurück getragen und einmal auf einen 40km weit führenden Ausflug nach Süden mitgenommen. Offensichtlich wurde er oft im Dunklen aufgehoben, die letzte Meldung mit bereits fast leerer Batterie erfolgte am 03.11. spätnachmittags. Ich interpretiere das als Abschuss durch einen Jäger.“ Wolfgang Fiedler, Max Planck Institut für Ornithologie.

Alle Störche_innen aus Kleinfischlingen sind gestorben. Das Fadenspiel hat drei ihrer essentiellen Fadenspinner*innen verloren. Nach so langer Zeit des simultanen Wegenetzhäkelns bin ich über den Tod einer Weißstörchin sehr traurig. Ich muss an Vinciane Desprets Gedanken zu Trauer denken: “Grief […] is a very particular process of learn[ing] to be affected in which the borders between self, world and other are profoundly problematized.“¹ Mit einem Zugvogel zu reisen heißt auch sich emotional zu binden. Die Leerstelle, die Twix hinterlässt, ist enorm. Es fällt mir äußerst schwer, die Erzählung um ihren Tod hin zu nehmen ohne ihr selbst weiter nach zu gehen.

¹: zitiert in Van Dooren, Thom, Flight ways, life and loss at the edge of extinction, 2016, Columbia University Press, S. 140

on the road in the name of the stork

Nach 619 km fahren und 9 km schieben tatsächlich in der Grenzstadt Kidira. Jedes Mal, als ich einen Autobus gesehen habe, der sich mit 0,18 km/h über die Schlagloch übersäte Straße quälte, war ich froh über das Ja zu meinem Motorrad.

Auf dem Weg nach Osten legte ich einen Zwischenstop bei Mariata Guisse und ihren Kindern in Ourossogui ein. Die Geborgenheit der Familie ließ mich seelisch wieder ein wenig auftanken für das rauhe Schleifpapier-Dasein auf der Straße.

Umso weiter östlich ich fahre, umso heißer wird es. Ich stelle mir andauernd die Frage, wie heiß die Tage noch werden. Man kommt sich mit seinen 37° Körpertemperatur vor wie ein Eiswürfel für die überhitzte Landschaft. Schlafen geht fast nur outdoor. Bei Familie Guisse sah das so aus:

Kidira wird der geographische Wendepunkt meiner Reise sein. Ich werde nicht weiter Richtung Mali fahren. Das Twix in den Senegal kommt, ist äußerst unwahrscheinlich. Ein paar Schritte vor der malischen Grenze habe ich ihr heute sendersuchende Grüße geschickt. Auf ein baldiges Wiedersehen, Störchin Twix.

Für mich wird es über Umwegen zurück nach St. Louis gehen. Bis zu meinem Flug am 13.11. nach Rabat, Marokko, habe ich noch Zeit, die verbliebenen Überreste meines Motorrads zu verkaufen.